07.04.26 Rede zum Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas und zur Ausstellung „#maremanuschenge“

Von Jovica Arvanitelli, stellvertretender Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Baden-Württemberg

Gehalten am 07.04.2026 im Hospiz Elias Ludwigshafen

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Anwesende,

heute erinnern wir – im übertragenen Sinne – an einem besonderen Ort des Gedenkens: dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas im Tiergarten in Berlin. Es ist ein Ort, der nicht laut ist, sondern still. Ein Ort, der nicht erklärt, sondern fühlen lässt.

Dieses Denkmal – ergänzt durch die Ausstellung – ist kein gewöhnlicher Erinnerungsort. Es ist ein Raum der Würde, der Trauer und zugleich der Verantwortung.

Mitten im Großen Tiergarten, unweit des politischen Zentrums (Reichstagsgebäude) unseres Landes, erinnert es an hunderttausende Menschen, die entrechtet, verfolgt und ermordet wurden – allein, weil sie Sinti oder Roma waren.

Und genau hier setzt auch die Ausstellung „#maremanuschenge“ an. Ein Begriff aus dem Romanes – „Unsere Menschen“. Zwei Worte, die so einfach klingen und doch so viel bedeuten: Zugehörigkeit, Identität, Gemeinschaft, Würde.

Diese Ausstellung gibt den Opfern ein Gesicht. Sie macht aus Zahlen wieder Menschen.

 **Warum Erinnern so wichtig ist**

„Zoni Weisz sagte im Bundestag: ‚Wir müssen immer wieder über den Holocaust berichten.‘ Denn Erinnerung ist nicht Vergangenheit – sie ist Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft.“

Wir leben in einer Zeit, in der Geschichte oft abstrakt wirkt. Zahlen werden genannt: 500.000 ermordete Sinti und Roma in Europa. Doch Zahlen allein berühren nicht. Zahlen erklären nicht, was verloren ging: Familien, Lebenswege, Träume.

Er sagte weiter:

Der Völkermord an den Sinti und Roma wurde lange übersehen –
das Denkmal soll das ändern und dauerhaft ins Bewusstsein bringen.

Die Ausstellung „#maremanuschenge“ setzt genau hier an. Sie zeigt Porträts. Sie erzählt Geschichten. Sie bringt uns einzelne Schicksale näher.

Und zwar aus der Perspektive der Minderheit selbst.

Denn Erinnerung bedeutet nicht nur, zu wissen, was passiert ist.

Erinnerung bedeutet, zu verstehen, wem es passiert ist.

Nehmen wir das Beispiel eines Zeitzeugen: Viele Überlebende berichten davon, dass sie als Kinder nicht verstanden, warum sich plötzlich alles veränderte.

Ein Mann erzählte später:

„Ich war noch ein Junge. Plötzlich durfte ich nicht mehr zur Schule. Dann kam die Polizei. Meine Eltern wurden weggebracht. Ich habe sie nie wiedergesehen.“

Solche Aussagen sind keine Einzelfälle. Sie stehen für tausende Biografien.

Kinder wurden aus ihrem Alltag gerissen. Familien auseinandergerissen.

Menschen entmenschlicht.

Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus war kein Zufall. Sie war organisiert, geplant und ideologisch begründet.

Menschen wurden registriert, kategorisiert, deportiert.

So mit dem sogenannten „Auschwitz-Erlass“

  • Am 16. Dezember 1942 befahl Heinrich Himmler die Deportation aller Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich nach Auschwitz-Birkenau.
  • Dort wurde ein eigenes Lager eingerichtet: das sogenannte „Zigeunerlager“.
  • Ziel war die systematische Internierung, Zwangsarbeit und letztlich Vernichtung.

Wichtig zu verstehen

  • Die Verfolgung begann schon früher (ab 1933 mit Diskriminierung, ab 1938 verstärkt mit Verhaftungen).
  • Der Erlass von 1942 markiert aber den Punkt, an dem die Verfolgung in eine organisierte Massenvernichtung überging.

Einige wurden in Konzentrationslager wie Auschwitz-Birkenau gebracht, wo es ein eigenes „Zigeunerlager“ gab – ein Ort unvorstellbaren Leids.

Ein Zeitzeuge berichtete:

 „Wir waren Nummern. Keine Namen mehr. Keine Menschen mehr.“

Diese Aussage zeigt, wie tief die Entmenschlichung ging.

Auch in der deutschen Politik wird heute immer wieder an dieses Unrecht erinnert.

Ein Vertreter der Sinti und Roma sagte einmal im Bundestag sinngemäß:

„Die Anerkennung des Völkermords kam spät. Zu spät für viele Überlebende. Aber sie ist notwendig – für die Wahrheit, für die Würde, für die Zukunft.“

Der wichtigste spezifische Gedenktag für die Opfer ist der Europäische Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma im August.

Er erinnert an die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944,
als im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau das sogenannte „Zigeunerlager“ aufgelöst wurde.

Etwa 4.300 Sinti und Roma wurden in dieser Nacht ermordet.

 

Sowohl im Bundestag als auch auf Landes- und Gemeindeebene wird erinnert:

Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

An diesem Tag wird im Deutschen Bundestag jährlich eine Gedenkstunde abgehalten.

Dabei wird regelmäßig auch an die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma erinnert.

Das Datum wurde gewählt, weil am 27. Januar 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde.

Erinnerung ist nicht abgeschlossen. Sie ist ein fortlaufender Prozess.

Die Ausstellung trägt bewusst den Namen: „Unsere Menschen“.

Denn es geht nicht nur um Vergangenheit. Es geht auch um Gegenwart.

Sinti und Roma leben heute mitten in unserer Gesellschaft. Doch sie erleben immer noch Ausgrenzung, Vorurteile und Diskriminierung.

Die Ausstellung möchte aufklären. Sie möchte zeigen:

Diese Menschen sind Teil unserer Geschichte. Teil unserer Gegenwart.

Und Teil unserer Zukunft.

**Die Bedeutung von Nähe – auch im Hospiz Elias**

Dass die Wanderausstellung sogar in ein Hospiz wie das Hospiz Elias in Ludwigshafen gebracht wird, hat eine besondere Bedeutung.

Ein Hospiz ist ein Ort des Abschieds, aber auch ein Ort der Menschlichkeit.

Gerade dort wird sichtbar, worum es im Kern geht:

Würde. Respekt. Menschlichkeit – bis zuletzt. Bis zum letzten Atemzug.

 „Seid Menschen. Das ist es, worum ich euch bitte.“

Dieses bekannte Zitat von Margot Friedländer (1921-2025) bringt ihre Botschaft auf den Punkt.

Margot Friedländer verbindet mit Menschlichkeit vor allem:

  • Respekt vor jedem einzelnen Menschen – unabhängig von Herkunft oder Religion
  • Mitgefühl und Empathie – also die Fähigkeit, das Leid anderer zu erkennen
  • Verantwortung – nicht wegzusehen, wenn Unrecht geschieht
  • Erinnerung – damit sich Geschichte nicht wiederholt

Sie betont immer wieder:

Menschlichkeit beginnt im Alltag – darin, wie wir miteinander umgehen.

**Was bedeutet das für uns heute?**

Die Frage ist nicht nur: Was ist damals passiert?

Die Frage ist: Was machen wir heute damit?

Erinnerung ist unsere Verpflichtung.

Sie verpflichtet uns:

  • gegen Rassismus einzutreten
  • gegen Vorurteile aufzustehen
  • für Menschenwürde einzustehen

Und sie verpflichtet uns, zuzuhören.

Ein weiterer Zeitzeuge sagt:

„Wir wollten nicht bemitleidet werden. Wir wollten nur als Menschen gesehen werden.“

Dieser Wunsch ist so grundlegend – und doch wurde er so oft verweigert.

Das Berliner Denkmal ist bewusst schlicht gestaltet. Ein dunkles Wasserbecken, eine Blume, die täglich neu aufgelegt wird.

Diese Blume steht für die Vergänglichkeit – aber auch für das Erinnern.

Jeder Tag bringt eine neue Blume.

Jeder Tag bringt eine neue Chance, nicht zu vergessen.

„Maremanuschenge“ – Unsere Menschen.

Diese Worte erinnern uns daran, dass es nicht „die anderen“ sind.

Es sind unsere Menschen.

Erinnerung darf nicht trennen.

Erinnerung muss verbinden.

Wenn wir heute an die Opfer denken, dann tun wir das nicht nur aus Pflicht.

Wir tun es aus Verantwortung.

Und – im besten Fall – aus Menschlichkeit.

Denn nur wenn wir die Vergangenheit ernst nehmen, können wir eine Zukunft gestalten, in der so etwas nie wieder geschieht.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.